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Märchen und Aphorismen von Carmen Sylva

Königin Elisabeth von Rumänien, geb. Prinzessin zu Wied (1843-1916)

Herausgegeben von Silvia I. Zimmermann
Erschienen im ibidem-Verlag, 2012/13.

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http://www.carmen-sylva.de/literatur.htm

Ich schreibe viel bei der Nacht. Im Sommer mache ich dann meine Balkontüre auf, dass der Mond und die Sterne herein scheinen; dann stehen die Tannen so schwarz da wie Riesen, die das Schloss umgeben, wie eine mächtige Wand.

Dann höre ich den Pelesch unten rauschen, und die Springbrunnen um das Schloss herum plätschern die ganze Nacht. Da treten dann die Feen bei mir ein, die Fee mit den schönen weißen Haaren und der weißen Kunkel und die Fee Imagina und alle die Feen aus den Bäumen und Blumen, die noch tief schlafen unter der Last von Tau, die ihre Häuptchen fast zu Boden drückt.

Das ist dann wunderbar schön, denn ich mache sehr hell in meinem Zimmer, ich habe gern Licht, da kommen freundliche Gedanken, und es sieht einladender aus für die Feen. Manchmal wandle ich auch auf meinem Balkon umher, und sieht dann die Schildwache herauf und denkt, ich wäre selbst eine von den Feen, die mich besuchen, und weiß nicht, ob man grüßen muss oder nicht.

Denn sie denken nicht, dass Leute, die ein Schloss haben und ein gutes Bett, schon um zwei oder drei Uhr morgens aufstehen. Sie wissen natürlich nicht, dass das die allerbeste Feenzeit ist, denn die erzählen nur, wenn alles schläft. Und am Abend wachen manchmal noch Menschen, am Morgen aber da schläft alles, nur der Mond und die Sterne wachen. Und die glitzern so hell.

So trat eines Morgens die Fee mit den weißen Haaren bei mir ein und hielt etwas in der Hand. Sie lächelte. „Ich weiß, dass du den Kindern gern Märchen erzählst!“, sagte sie, „nun habe ich dir etwas mitgebracht, da brauchst du nur hineinzublicken, und die Märchen fallen dir entgegen. Es ist ein Feenkaleidoskop, wie es Menschen noch niemals haben machen können. Die Menschen haben Glasstückchen hineingetan, so dass die Farben durcheinander spielen, wir haben aber ganz andere Sachen darin, die durcheinander spielen, und sehen die ganze Welt in unserm Kaleidoskop!“

Ich dankte ihr sehr für die schöne Gabe, aber ich dankte nicht genug, denn ich wusste noch nicht, was ich für eine Freude daran finden würde.

mein-kaleidoskop-carmensylva1901Als ich es an die Augen hob, da sah ich zuerst nur ein Gewühl wie Ameisenhaufen, so lief da alles durcheinander, ich nahm es herunter und sah die Fee an. Die lächelte. „Verstehst du noch gar nichts davon?“, fragte sie.

„Nein, ich begreife das Gewühl gar nicht, was ist denn das?“

„Sieh nur länger hinein, dann wirst du es sehen, was es ist.“

Und als ich länger hineinsah, da sah ich ein Land, in welchem sich die Menschen bewegten, und die Menschen schienen mir Japaner zu sein, das rannte alles hin und her und hatte so große Eile, und als ich das Kaleidoskop ein wenig drehte, da sah ich Westminster Abbey und wusste, dass ich in London sei, und da war Rotten Row mit allen Rittern und Wagen, und da war die Themse und die Schiffe und die Häuser der Elenden, die Viertel, die keiner kennt, und ohne zu wollen, drehte ich wieder, da war ich auf einmal am Vesuv und sah einen Ausbruch, da strömte die Lava in solchen Massen, dass ich das Kaleidoskop entfernte, weil ich das Gefühl hatte, als würde ich selbst von dem Lavastrom erreicht und verbrannt werden. Aber vor lauter Neugierde hob ich das Instrument wieder an die Augen, da war ich in Chicago und sah mir die Ausstellung an, da waren aber so viele Sachen und ein solches Menschengewühl, dass ich müde wurde und einen Augenblick ruhen musste.

„Nun, was sagst du zu meinem Geschenk?“, fragte de Fee. „Gefällt es dir?“

„Ja“, sagte ich, „es gefällt mir, aber du hättest mir noch viel, viel größere Freude gemacht, wenn du mir ein Kaleidoskop gegeben hättest, das in den Herzen liest! Das Treiben auf den Straßen interessiert mich gar nicht so sehr, das kann ich mir denken, aber ich möchte gern sehen, was die Menschen denken und fühlen, so dass ich sie trösten kann und ihnen solche Dinge sagen, die ihnen wirklich Freude machen.“

„Das sollst du auch haben!“, lachte die Fee. „Du gefällst mir, man zeigt dir die ganze Welt, und du bist nicht zufrieden!“

„Die ganze Welt ist mir nichts gegen ein einziges Menschenherz, ich bin nicht neugierig und will keine Reisebeschreibungen schreiben, aber was die Menschen denken und fühlen, das will ich wissen und davon erzählen, denn sie machen den Mund zu und lassen ihre Augen nicht sprechen, und da kann ich nicht wissen, was in ihnen vorgeht. Ich will in ihr Innerstes hineinsehen, so, als wäre kein Schädel da und kein Riegel und kein Geheimnis.“

„O weh!“, sagte die Fee, „da wird es dir aber oft gar nicht gefallen.“

„Kann ich sehen, wen ich will?“

„Ja, das werde ich dich lehren, dass du sehen kannst, was und wen du willst, denn du irrst dich sehr, wenn du meinst, du wolltest nicht auch manchmal Städte und Orte sehen; wenn ich dir zeigen will, was deine Lieben machen, die weit fort sind, dann wirst du sehr zufrieden sein, deine Heimat, deinen Rhein, deinen Wald zu sehen, und was sie eben machen, und wäre es auch nur, dass sie um den Frühstückstisch sitzen und Zeitungen lesen!“

Und während sie so sprach, hielt sie mir wieder das Kaleidoskop vor, und ich sah wirklich alles, was sie versprochen hatte, und war so glücklich, als wenn ich mitten unter meinen Lieben und in meiner Heimat wäre: ich sah den Wald am Rhein, ich sah die alten Burgen, ich sah mein Schloss, in dem ich geboren bin, und das Waldhaus, das ‚Monrepos’, meine Ruhe, heißt und alle und alles! Ja, das war so große Freude, dass mir die Tränen in den Augen standen.

Da drehte die Fee, und da sah ich etwas, das ich noch nie gesehen: die Gedanken der Menschen in lauter Bildern. Es war so merkwürdig, dass ich fast einen Schrei ausstieß. Es war, als öffneten sich alle Herzen vor mir, und als wären darin schöne und hässliche Aussichten und Bilder ohne Ende; das war noch viel reicher als vorher das Menschengewühl und noch erschütternder als meine Heimat und alle meine Lieben. Ich sah, dass ein Kind das andere beneidete, denn in seinem Herzen waren alle die Sachen, die sein kleiner Freund hatte, so lebendig, als wären sie sein eigen, aber mit dem Schleier darüber, und der Schleier war dunkel und machte die Sachen nicht mehr so schön. Da war ein Puppenhaus, nein, aber so reizend, mit lauter Zimmern und Wasser in Röhren und Licht und Treppen und Speicher und Keller und so wunderschönen Puppen darin, die aussahen wie wirkliche Kinder, und in der Küche brannte das Feuer im Herde und wurde wirklich etwas gekocht, es war wunderschön; aber da war der hässliche dunkle Schleier, denn das Kind dachte, dass das Puppenhaus nicht sein wäre, und das verdarb ihm die Freude daran. Da sah ich aber in des Kindes Herz, dem das Puppenhaus geschenkt worden war, und das hatte einen schweren Kampf zu bestehen, denn es hatte den Neid in seinem kleinen Freunde wahrgenommen, und nun quälte es sich mit dem Gedanken, ob es sein Puppenhaus dem nicht schenken müsse. Das war ein sehr liebes Kind, in dem war alles hell, da war gar kein dunkler Schleier, da war es so licht, dass ich gar nicht das Kaleidoskop drehte, um noch länger in sein liebes Herzchen hineinzusehen. Es kämpfte lange, und endlich sagte es zum andern: „Nimm du mein schönes Puppenhaus, nur lass mich damit spielen, so oft ich will!“

„Nein“, sagte das neidische Kind, „nein, ich will es ganz allein haben, ich mag nicht teilen.“

„Dann bekommst du es gar nicht.“

Da war nun auch in dem lichten Herzen ein dunkler Schatten, und das Kind war ganz traurig, denn es hatte eine reine Freude machen wollen. Aber das war doch zu ungerecht, dass es nur gar nichts mehr von der schönen Gabe haben sollte, da fand es, das andre verdiene es nicht. Und man hatte ihm doch das Haus geschenkt.

Da war ein Kind, das hatte eine kranke Mutter, ich sah es in seinem Herzen, wie die kranke Mutter darin wohnte, denn das Kind sah sie immer und immer, ob es bei ihr war oder nicht, da war die Mutter und war so blass, und das Bett sah aus, als wäre es schon ganz ausgehöhlt vom langen Darinliegen.

Nun passierte mir aber etwas, an das ich nicht gedacht hatte. Ich konnte das Elend sehen und der Menschen Herzen lesen, aber ich konnte nicht helfen, denn ich konnte oft diejenigen gar nicht erreichen, die ich sah, ja ich wusste nicht einmal immer, wo sie sich befanden, und so wurde ich traurig.

Ich saß in meinem Zimmer mit meinem Wunderteleskop in der Hand, und mochte es gar nicht mehr an die Augen halten, weil ich so vieles darin sah, das traurig war, und wo keine Hilfe möglich schien. Sogar ganz in der Nähe waren Fehler zu bemerken, die ich viel lieber nicht gesehen hätte.

So oft ich es an die Augen hob, kam mir irgendein Leid entgegen, irgendeine Krankheit, oder ein Fehler, oder eine Schwäche der Menschen, und da legte ich es fort. Den nächsten Morgen trat aber in einem Mondstrahl die Fee Imagina bei mir ein und sagte: „Ich sehe wohl, dass du meine Wundergabe nicht so hoch hältst, als du es tun solltest; du hast begehrt, der Menschen Herz zu durchschauen, als lägen sie offen vor dir, und nun tust du das Kaleidoskop fort, und willst gar nicht mehr hineinsehen, ist das recht? Habe ich mir darum die Mühe gegeben, deinen Wunsch zu erfüllen?“

Ich war sehr beschämt, aber ich sagte doch: „Wenn ich helfen könnte, dann würde mir’s nicht so schwer werden, dann würde ich es immer fragen und zu Rate ziehen.“

„Aber wir können selbst nicht immer helfen, was willst du armes Menschenkind denn alles für die Menschen tun?“

„Was mir zu tun gestattet wird, nur nicht sehen müssen, wie sie leiden und dann nicht helfen können!“

„Nun, ich will deinem Kaleidoskop die Kraft schenken, so oft du es auf eine Stelle richtest, und dabei den festen Willen hast, Gutes zu tun, du einen hellen, warmen Strahl an die Stelle senden kannst, der froh macht und warm, mehr kann ich dir nicht gewähren.“

Ich dankte, aber ich hatte nicht sehr großes Vertrauen zu der Kraft meines Strahls, wenn ich doch sah, wie die liebe Sonne selbst die Menschen nicht zufrieden und glücklich machen könnte, und sie den einen zu viel, den andern zu wenig schien. Ich setzte es wieder an die Augen und sah Leute, deren Häuschen von Regengüssen überschwemmt war und drohte einzustürzen, bevor Hilfe da war, die Armen zu retten. Ich sah sie auf ihrem Dache die Hände ringen und beten, und sah kein Boot weit und breit. Da dachte ich mit meines Herzens ganzer Kraft: „Das Wasser soll ablaufen!“ Und vor meinem Blicke floss das Wasser ab, das Häuschen lag im hellsten Sonnenschein und wurde von einem Augenblick zum andern trocken. Mein Herz lachte vor Freude, und ich sah zu, wie die Leute Gott dankten auf ihren Knien, dass sie gerettet wurden, und meinten, es sei ein Wunder. In meiner Freude drehte ich unversehens das Kaleidoskop und verlor das Bild, von dem ich nicht einmal wusste, wo es gewesen. Da sah ich ein kleines Kind am Wege sitzen und weinen, es schien kalt zu haben und etwas zu suchen, das es in der hereinbrechenden Dunkelheit nicht finden konnte. Da richtete ich meiner Seele ganze Kraft darauf und merkte bald, dass das Licht und die Wärme aus meinem Kaleidoskop genau von dem Grade meines Mitleidens abhing, und je mehr ich zu helfen wünschte, umso wärmer und feuriger wurde mein Strahl. Da sah ich, wie das Kind am Himmel nach der Ursache dieser plötzlichen Helle suchte, dann am Boden umhersuchte und offenbar den Gegen­stand gefunden hatte, den es so eifrig suchte und der mir ein Groschen zu sein schien, dann wollte es weiter gehen; als es aber merkte, dass der Strahl dann aufhörte und die Kälte wieder groß wurde, kehrte es noch einmal in denselben zurück, bis es ganz warm hatte, und dabei hörte es nicht auf, sich zu wundern und immer am Himmel nach der unbekannten, fremden Sonne zu suchen. Da kamen andre Leute aus einem fernen Hause, und eine schöne Frau lief drohend und scheltend auf das kleine Mädchen zu und wollte es schlagen; das Kind aber hielt lächelnd der Frau den Groschen entgegen und zog sie in den warmen Schein von meinem Kaleidoskop, und das arme Weib wärmte sich und wurde ganz freundlich und streichelte des Mägdleins Wange. Als ich fühlte, dass es ihnen wohl geworden, drehte ich ein wenig weg, und da veränderte sich wieder alles.

Da war ein Wald, und durch den Wald wanderte ein einzelner Wagen, der offenbar den Weg verfehlt hatte. Es war dunkle Nacht, und eben sah ich aus dem Dickicht zwei Männer sich leise und vorsichtig dem Wagen nähern, mit Pistolen in den Händen. In demselben Augenblick blendete ich sie mit einem starken Lichtstrahl und erleuchtete den Weg, so dass der Kutscher sehen konnte, wohin er fuhr, und zugleich die Insassen des Wagens die Räuber entdeckten, die aber so geblendet waren, dass sie nicht mehr zielen konnten. Der Kutscher hieb in die Pferde, und fort jagte der Wagen der verfehlten Straße zu, die Räuber aber rieben sich die Augen und sahen ihn nicht mehr, da sie eine Sonne in den Augen hatten und dadurch die Nacht für sie noch schwärzer war. Ich sah den Reisenden noch einmal nach, die rollten ruhig dahin, weit aus der Schussweite, die Räuber aber ballten die Faust gegen das unbegreifliche Licht, das ihnen die Augen verbrannt und die sichere Beute entrissen hatte. Ich musste lachen über ihre ohnmächtige Wut. Was die Reisenden dachten, das konnte ich nicht sehen, denn sie waren weit weg und der Wagen geschlossen, sie haben aber gewiss an ein Wunder geglaubt. Ich dankte der guten Fee in meinem Herzen für das schöne Geschenk, wagte nun gar nicht mehr, es aus der Hand zu legen, da ich so viel Gutes tun konnte, aber da schlief ich vor lauter Müdigkeit ein und schlief bis in den Tag.

Nun war das beinahe ein Herzeleid für mich, dass ich nicht immer wachen konnte und Gutes tun mit meinem Wunderkaleidoskop. Aber die gute Fee erklärte mir, dass das Böse auch manchmal in der Welt geschehen muss, und dass es uns Menschen nicht immer gestattet wird, es zu verhindern, selbst dann nicht, wenn wir es noch so eifrig möchten.

Heute sah ich eine Hochzeit darin, die war wirklich reizend, die Braut hatte Goldflitter in den Haaren, so lang wie ihr langes weißes Kleid, das drei reizende kleine Kinder trugen, die waren auch in Weiß, und ihre kleinen Füße verwickelten sich in den Goldflitter und in den Schleier, der darüber bis zu dem Kleidessaume niederwallte, und da wandte sich die Braut, die den Altar umschritt, und sah mit rosigem Angesicht auf die Kleinen nieder, die nur ihr in die Augen sahen und gar nicht auf die Schleppe, die sie tragen sollten. Sie sah aus wie eine Fee und die Kinder wie Elfen, und voran und nach gingen die Brauteltern mit weiß bekränzten Kerzen in den Händen. Und Bräutigam und Braut hatten goldene Reife um den Kopf, mit einem Kreuze daran, das sich über ihrer Stirn erhob, und das sie küssten, bevor es ihnen der Geistliche in großem reichem Ornat um die Stirn legte. Der Bräutigam war auch so jung und hatte einen so lieben Blick wie ein Engel und sah seine Braut so strahlend an, und dann lächelte er über die winzigen Schleppenträger, deren Füßchen mit den weißen Schuhen im Goldfaden verwickelt waren, und die gar nicht merkten, dass die Braut nicht weiter gehen konnte. Das war ein reizendes Bild, eine richtige rumänische Hochzeit, und andere Kinder warfen dem Brautpaar Blumen unter die Füße, während es den Altar umwandelte, und die jungen Mädchen bückten sich und hoben von den Blumen auf, damit sie auch übers Jahr einen Bräutigam hätten.

meinkaleidoskop-carmensylva1901_2Mein Kaleidoskop hatte sich, ohne dass ich es wusste, in meiner Hand gedreht, und ich stand in einer Schmiede mit meinen Augen, und siehe, das Feuer wollte ausgehen, als ich aber mein Rohr darauf richtete, wurde es mit einmal so hell, als ob hundert Bälge hineinbliesen. Der Schmied griff mit erneuter Kraft nach seinem Hammer und arbeitete, indem er sich manchmal erstaunt umsah, woher ihm denn Hilfe gekommen im Augenblicke, da seine Burschen das Nachlegen und Blasen versäumt und er in hellem Zorn dastand und ihnen eine Tracht Prügel zugedacht. Die Burschen waren aber bei einer Feuersbrunst im Dorfe zurückgehalten worden, von der der Schmied in seiner eifrigen Arbeit nichts gehört. Er schwang seinen Hammer, und die Glut wurde immer größer, sein Eisen gab so wundervolle Funken, die ich in allen Farben leuchten sah, die er aber in seinem Eifer gar nicht beachtete. Die Burschen aber, die hatten löschen helfen, kehrten wieder und sahen die Funken und auch die Glut in der Esse und konnten gar nicht begreifen, woher die kam. Sie sahen sich nach allen Seiten um, und ihre verwunderten Gesichter machten mich lachen. Der Meister war aber so in der Arbeit, dass er die Strafe vergaß, die er ihnen zugedacht, und nur ungeduldig aufsah und meinte, das Feuer sei weniger stark von ihren Blasebälgen als von meinem Rohre. Er drohte den Schlingels, die davongelaufen waren, mit seiner starken Faust, aber da gab ich ihm noch einmal eine solche Glut, dass es war, als schiene eine Sonne aus seiner Esse, und er wollte keinen Augenblick verlieren und hämmerte auf sein glühendes Eisen mit neuer Kraft.

Es war, als kämen freundliche Gedanken und Güte aus meinem Kaleidoskop, ich hatte offenbar noch nicht alle seine Eigenschaften ergründet. Ich fragte die Fee, ob ich auch einmal ihr Märchen- und Traumland mit meinem Rohre ansehen dürfe.

„Gewiss!“, sagte sie, „das darfst du, sogar so oft du die Erde müde bist, oder wenn du traurig bist, so darfst du dich mit einem Blick in mein Märchenland erquicken.“

Wie soll ich beschreiben, was ich sah! Was ist die Erde gegen Märchenland! Da waren Gärten, natürlich wundervolle Gärten, in denen alles blühte und die herrlichsten Früchte reiften; da waren frohe Gesichter von lauter reizenden Elfen, die sich da tummelten, schwebend, fliegend, schwimmend, in den Blumenkelchen sich schaukelnd, um die Blumen Reigentänze aufführend, und zwar durch die Luft wie leichte Samenflocken, nein, es war ein reizender Anblick! Und zwischen all diesen glückseligen Elfenkindern schritt die Fee hindurch wie ein Sonnenstrahl, der alles noch schöner und noch fröhlicher machte; sie hatte immer kleine Geschenke für ihre Elfenkinder in der vollen Kunkel, und die Elfen streichelten die Kunkel, aus der ihnen so viel Gutes kam.

Da waren Lauben voller Trauben, die golden hineinhingen, und Kastanienbäume voller reifer Kastanien, die herunterfielen und von den Elfen verzehrt wurden; da waren allerhand wunderschöne große Wasservögel, wie Reiher und Flamingos, aber von so entzückenden Farben, wie man sie in Wirklichkeit niemals sieht. Da flogen Kolibris umher, wie Feuerfunken, so glitzerten ihre Federchen im Sonnenlicht; da waren sogar herrliche kleine Schlangen mit Krönchen von Smaragden und Saphiren auf ihren Köpfchen, mit goldenen Augen und Lidern, die in allen Farben schillerten. Und niemand hatte Furcht vor den wunderschönen Tierchen, die so harmlos um die Blumenstängel glitten, als müsste es so sein, und sich von den Elfen fangen ließen, die sie liebevoll streichelten. Es war ein Reich der Liebe und des Friedens, in das ich hineinsah. Die Elfen hatten durchsichtige Kleidchen an, immer von der Farbe der Blume, aus der sie kamen, rosa aus den Rosen, lila aus den Herbstzeitlosen, blau aus Vergissmeinnicht, grün aus den Gräsern, so dass es schien, als bewegten sich die Blumen selber im reizenden Reigen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an all der Herrlichkeit; wie erstaunte ich aber, als die Fee jedem ihrer kleinen Elfen einen Auftrag zu geben schien und die rasch nach allen Seiten auseinanderstoben. Ich verfolgte ihre Schritte und ihren Flug mit meinem Rohre, und da sah ich, dass sie in der Menschen Gärten eilten und die Blumen aufrichteten, welche die Menschen vergessen oder vernachlässigt hatten, und die traurig ihre Köpfchen hängen ließen, ja, über die Wesen flogen sie dahin und richteten die Maasliebchen, die Butterblümchen und sogar die Grashalme wieder auf, welche mutwillige Kinder am Tage zertreten hatten. Offenbar erzählten die Blumen, wie schlimm es ihnen ergangen, denn sie weinten dazu. Jede hatte eine Träne an den Blütenblättern oder an den Staubfäden hängen, aber sanft strichen die Elfen darüber hin, und der Tautropfen blieb erquickend und erfrischend in den Kelchen hängen, und langsam richteten sich die armen Zertretenen wieder auf, nicht alle, und da setzten sich die Elfen zu den kleinen Blumenleichen und trauerten und weinten und waren ganz untröstlich, als hätten sie ein Brüderchen oder Schwesterchen verloren. Da half aber kein Weinen, die Blumen hatten nicht mehr die Kraft, sich aufzurichten, und ich sah, wie sie noch einmal dankbar zu den kleinen Elfen aufblickten, die ihre Köpfchen in den Schoß genommen, damit sie wenigstens sanft sterben sollten.

Dann kamen ganz große Elfen daher, die gehörten offenbar in die Bäume, die um die Wiese her standen, und da war wieder ein Jammer, denn da hatten die bösen Menschen ein Feuer angezündet, so nahe dem Stamme oder gar in der Höhlung desselben, dass der arme Baum ganz geschwärzt war und innen weiter brannte, so dass die Elfen nicht die Macht hatten, es zu löschen. Sie versuchten mehrmals hineinzukriechen, konnten aber den Qualm drinnen nicht aushalten und standen nun händeringend und unglücklich vor ihrem Baume und konnten ihm nicht helfen, wie sehr sie auch jammerten und Tautropfen brachten, um seinen inneren Durst zu kühlen.

Es machte mich ganz traurig, den armen Elfen zuzusehen, wie sie durch der Menschen Unbedachtsamkeit leiden mussten und so großen Kummer hatten, dass sie davon immer kleiner und durchsichtiger und kraftloser wurden, so, als müssten sie selbst sterben, wenn ihr Baum nicht mehr wäre. Der Baum aber brannte in sich selbst weiter, und ich sah sein Leiden, als wenn er ein menschliches Gesicht hätte, um mir deutlich zu zeigen, was er litt; ich musste mein Kaleidoskop drehen, es tat mir zu weh.

Da kam ich mit meinen Blicken in ein Arbeiterheim, das war aber so wundervoll eingerichtet, dass die Arbeiter alle fröhlich und gesund aussahen und ihre Kinder auch, und dass sie lustig tanzten, wenn sie ruhten, so wenig müde waren sie. Da war kein Überarbeiten, da waren Ruhestunden, in denen offenbar Musik gemacht wurde und Spiele gespielt, denn ich sah sie Bälle werfen und Speere und Reifen und allerhand, das sie erfrischte; da waren schöne, kühle Gärten, in denen sie sich ausruhen und an herrlichen Früchten erfrischen konnten nach der Hitze an den Hochöfen. Sie waren so froh, dass sie gar nicht die Mühsal ihrer Arbeit empfanden, sondern lachten und die Arme schüttelten und auch wieder froh zur Arbeit zurückkehrten, da sie sich erholt hatten. Die Herren, denen die Hütten gehörten, gingen zwischen ihnen umher und brachten den Kindern Spielsachen, und die jungen Mädchen des Hauses unterrichteten sie und erzählten ihnen schöne Märchen, so dass die Kinder gar nicht daran dachten, jemals die Stätten zu verlassen, in denen sie es von klein auf so gut gehabt, und es war, als wären die Herren und die Arbeiter eine große Familie, in der der Gewinn allen zu Gute käme und alle froh gemacht wurden. Ich sah lange hin, denn es tröstete mich, das schöne Verhältnis zu sehen, nachdem ich an allerlei traurigen und düsteren Stätten vorbeigeblickt hatte, wo die Arbeiter bleich und finster waren und von den Herren etwas zu begehren schienen, das die ihnen nicht geben wollten. Ich konnte niemals hören, was gesagt wurde, denn mein Rohr zeigte mir in die größten Fernen, was da geschah, so deutlich, als stünde ich davor, aber hören konnte ich natürlich nichts; ich konnte nur am Ausdruck der Gesichter sehen, was sie dachten und sagten. Aber der Ausdruck der Gesichter ist sehr beredt, wenn man sich daran gewöhnt, ihn zu verstehen und zu erraten, was er bedeutet.

So sah ich an einem Tage ein kleines Mädchen, das trug Essen in einem Tuche und hatte offenbar einen weiten Weg zu machen, denn es wurde allmählich dunkel, und das Kind sah sich oft um, es fürchtete sich, das konnte man deutlich wahrnehmen. Da sah ich einen Mann hinter einem Baume hervorschleichen, der näherte sich dem Kinde und wollte ihm sein Tuch mit dem Essen entreißen. Ich aber richtete den Strahl von dem Rohr so in seine Augen, dass er ganz geblendet dastand, und das Kind war in zwei Sprüngen fort, ich sah ihm noch nach und beleuchtete dann seinen Weg vor ihm her, so dass es ohne Furcht ging, ich sah, wie es immer wieder das Zeichen des Kreuzes auf seiner Brust und Stirn machte und Gott zu danken schien für die Rettung. Als es bei seinem Vater anlangte, der offenbar schon ängstlich auf sein verspätetes Kind gewartet, da sah ich die Freude und das Erstaunen, als das Kind ihm das Wunder erzählte und die Hände vor die Augen hielt, um dem Vater zu beschreiben, wie der Dieb geblendet worden, und wie es rasch davon gelaufen, wie aber der helle Schein immer vor ihm her geleuchtet bis hierher. Da sahen sie sich nach dem Scheine um, und da war er noch immer, so dass der Vater sehen konnte, dass ihm sein Töchterchen die Wahrheit gesagt.

Da drehte ich mein Kaleidoskop, denn ich war zufrieden, und ließ den Schlaf in meine Augen kommen, der schon lange an der Schwelle stand und Einlass begehrte.

meinkaleidoskop-carmensylva1901_3Als ich wieder mein Kaleidoskop an die Augen hielt, da war es noch nicht Tag, der Mond schien noch, und der Morgenstern stand noch hell am Himmel; da sah ich in eine hohe Wohnung hinein, in der stand ein armer Student und hätte so gern gearbeitet, denn er war ein Dichter, und in den Stunden der Nacht arbeitete er heimlich, an einem sehr schönen Buche, von dem er keinem Menschen etwas gesagt, aber von dem er hoffte, es werde ihn aus aller Not reißen und ihm etwas Brot verschaffen. Ich konnte das Buch nicht für ihn schreiben, aber ich konnte ihm geben, woran es ihm offenbar fehlte: Licht und Wärme. Ich stellte mein Rohr so, dass sein Schreibtisch ganz hell beleuchtet war, und zugleich ließ ich Wärme strahlen, so gute, weiche Wärme, dass er meinte, er habe sich geirrt, und die Sonne sei heute früher aufgestanden als sonst. Dann musste er selbst über seinen Gedanken lächeln, denn in seine Wohnung schien nie die Sonne. Ich konnte ihm zusehen, wie er zuerst sich überall umsah, woher die Wohltat käme, konnte es aber gar nicht begreifen. Warm war es, und hell war es, er rieb seine erstarrten Finger und streckte sich, und hastig griff er nach seinen Papieren; ich las ganz deutlich, was er schrieb, und sah, dass es ein wundervolles Buch sei, das der junge Mann da schrieb, und dass die Welt sich wundern würde über sein Genie. Unermüdlich hielt ich mein Rohr auf seine Hände und Haupt gerichtet, und da entdeckte ich noch eine Eigenschaft in meinem Wunderrohre, dass es der Phantasie half und wunderschöne Gedanken aus seiner Wärme in des jungen Mannes Haupt einströmten, denn bald konnte ich in seinem Gehirn die Gedanken sehen, bevor seine Feder über das Papier flog, und da sah ich, wie schön sie waren, und wie sie sich mehrten unter dem sanften Strahl, und er bekam ganz rote Wangen, und es wurde ihm so wohl, und er bekam so großes Vertrauen zu sich selbst, dass er ohne nachzulesen schrieb und schrieb und schrieb und gar nicht nach den Worten zu suchen brauchte, die kamen alle von selbst, er brauchte nicht abzusetzen, nicht sich zu besinnen. Ich blieb den ganzen Tag bei ihm und hielt ihn warm, wagte auch nicht, mein Rohr zu bewegen, aus Furcht, ich fände ihn nicht wieder, denn ich hatte beschlossen, ihm bis zu Ende zu helfen. Ich sah, dass er ein Stückchen Käse und trockenes Brot zum Frühstück hatte, nicht einen warmen Tropfen; da blendete ich seine Augen und versenkte ihn in einen wohltuenden Schlaf, aus dem er erquickt erwachte, dass er weiter arbeiten konnte. Ich hätte ihm so gern gutes Essen verschafft. Eines Abends sah ich seine Hausfrau etwas spät heimkommen, da leuchtete ich ihr ins Gesicht, so dass sie aufsehen musste, und da sah sie, wie der junge Mann in seinem Fenster saß und ohne Licht hell hatte und drauf los schrieb, als wollte er nie mehr zu arbeiten aufhören.

Sie war so erstaunt, dass sie mit der Hand über den Augen stehen blieb, und ihm lange und unverwandt zusah. Er aber arbeitete fort und fort und hatte noch ein trocknes Stückchen Brot neben sich liegen, das er im Eifer der Arbeit vergessen. Die Frau stand und stand, und auf einmal sah ich, dass ihr ein Gedanke durch den Kopf flog, ich sah in ihr Gehirn hinein, und sah, dass sie dachte: Das ist ja ein Wundermann, der Licht hat, wenn es dunkel ist, und warm ohne Feuer, den muss man sich gut warm halten, der ist vielleicht einer, der einem noch viel Geld und viel Ehre bringen kann. Und flugs ging sie in ihre Küche, in der sie Licht und Feuer anmachte und ein ganz gutes, reichliches Nachtessen kochte. Ich sah sie die Treppe herauf kommen, an die Türe klopfen, und musste lächeln, denn der junge Mann hörte und sah gar nicht im Eifer der Arbeit. Da trat die Frau ein und blieb einen Augenblick regungslos stehen, denn der junge Mann saß in Licht gebadet, und doch brannte nicht die kleinste Kerze, und hatte offenbar warm, denn seine Hände waren ganz rosig und sahen aus, als hätten sie noch nie gefroren.

Ich sah, wie die Frau etwas zu ihm sagte, wie er aufsprang und das Nachtessen zurückwies, und offenbar sagte, er könne es ja nicht bezahlen, denn die Frau deutete auf den ungeheuren Stoß, den er in wenig Tagen geschrieben, und machte ein Zeichen, dass diese Arbeit sie zehnmal bezahlen würde. Da lachte der junge Mann und langte zu und aß. Mein Gott! Wie aß der Mensch! Als wäre er halb verhungert! Es tat einem wohl und wehe. Die Frau hatte wahrhaftig Tränen in den Augen, aber früher, als sie nicht wusste, dass er ein Wundermann sei, hatte sie gar kein Mitleid mit seinem Hunger und seiner Kälte gehabt. Kaum war er satt, so saß er schon wieder an der Arbeit, und die Feder flog, und die Gedanken flogen und wurden immer schöner und immer reicher, denn ich half ihm, und er wusste es nicht.

Das könnt ihr gar nicht recht glauben, wie große Freude es macht, zu helfen, wenn es keiner weiß. Der, dem man hilft, der fühlt die Wonne der Dankbarkeit, doch ohne die Demütigung, immer dankbar sein zu müssen, und immer an die Wohltat erinnert zu werden, und man freut sich so, als wäre man selbst der Beglückte.

Ich blieb mit meinem Licht und meiner Wärme bei ihm Tag für Tag und Nacht für Nacht, und zwang ihn zu schlafen, damit sein Gehirn nicht überanstrengt würde. Er rieb sich die Augen und ärgerte sich, dass er nicht wach bleiben konnte, aber ich blendete ihm die Augen zu, und zwang ihn zum Schlaf, und dann ging es wieder mit der Arbeit voran, als wäre er nie müde gewesen. Die Wirtin kam öfter, als es nötig war, um ihm Essen zu bringen und Feuer zu machen, er aber bemerkte sie oft gar nicht, und sie stand und sah ihm zu und konnte es nicht begreifen, wo der helle Schein herkam, der ihn umstrahlte wie eine Sonne. Sie dachte, sein Genie sei so groß, dass es einen lichten Schein um ihn werfe, wie um Moses, als er vom heiligen Berge herunter stieg, und dann sah ich, wie sie zu den Nachbarinnen ging und ihnen das Wunder erzählte, auch wohl zeigte, so dass sie alle neidisch auf sie wurden. Und nun war die Riesenarbeit vollendet, und vor ihm her ging der Schein, als er sie zum Buchhändler brachte, und er erkannte das Licht, das ihm die ganze Zeit geleuchtet, und anstatt ängstlich und scheu den Buchhändler zu fragen, ob er wohl sein Buch annehmen wolle, machte er gleich sehr gute Bedingungen. Der wollte es behalten und beurteilen, aber der junge Mann war ganz zuversichtlich, er wusste, dass sein Buch eine Eingebung sei und gut und schön, und der Strahl umspielte seine feinen Züge, und wirklich, ich sah die Überraschung des Buchhändlers, als er hineinblickte, und nun wusste ich, der junge Mann sei von Stund an wohlhabend, und man werde mehr Bücher von ihm verlangen, als er schreiben könne.

Einen Abend sah ich eine arme Frau an dem Bettchen ihres kranken Kindes sitzen, den Kopf in der Hand, kein Feuer, keine Suppe, nicht genug, um das Kind zuzudecken, das vor Fieber zitterte. Ich dachte: Wärme und Helle kann ich ihr wenigstens geben, und ließ den vollen Strahl aus meinem Kaleidoskop auf sie fallen. Und da richtete sich das Kind auf und streckte die Ärmchen gegen die schöne Helle aus, und wollte die Strahlen greifen, und lachte vor Freude. Und die arme Frau lächelte, und ich sah, wie sie sich nach allen Seiten umsah, woher ihr das Licht und die Wärme kamen. Und das Kind erzählte alles, was es sah, denn ich gaukelte ihm allerlei Farben aus meinem Wunderrohre vor, bis ihm die heißen Augen zufielen und es noch im Schlaf lächelte. Die Mutter ließ auch den von Nachwachen erschöpften Kopf auf das Bettchen fallen und schlief ebenso fest ein als das Kind, und so schliefen sie beide bis in den hellen Morgen, und das Kind erwachte gesund, aber o weh! sehr hungrig. Und Essen kann mein Kaleidoskop nicht schaffen. Ich sah, wie es vor Hunger weinte, und die Mutter mit ihm, denn sie hatte nichts! Sa dachte ich: Wenn ich sie recht erwärme, dann wird sie vielleicht wieder Milch haben, denn sie griff sich immer nach der Brust, als wäre sie gewohnt gewesen, das Kind noch zu stillen, wie es arme Leute oft tun, weil sie das Kind auf diese Weise sicher ernähren, wenn das Brot selten und teuer ist. Ich wusste von armen Frauen, die ihre Kinder drei Jahre lang gestillt hatten. Ich ließ meine schönsten Strahlen die Frau erwärmen, und auf einmal sah ich, wie sie dem Kinde die Brust reichte und das gierig schluckte. Also war das Kind ernährt. Nun handelte sich noch darum, der Mutter Essen zu verschaffen. Das war sehr schwer. Ich sann hin und her, was ich machen könnte. Da sah ich ein kleines Mädchen, das sich eine ganze Menge Kastanien in der Straße kaufte, ganz schöne, heiße, eben gebratene Kastanien, und seiner Bonne sie voll Freude zeigte, einen ganzen Korb voll und noch viele im Muff. Da begann ich mein Gaukelspiel mit den schönsten Farben in meinem Kaleidoskop, immer vor dem Kinde her, bald näher, bald ferner, und das Kind wollte sich nicht davon trennen, sondern lief immer den schönen Farben nach, die Bonne mit sich fortziehend, die, selbst neugierig, sich gern fortziehen ließ. So lockte ich das Kind ins Haus, die wurmstichige Treppe hinauf, bis in das Zimmer der armen Frau, die ich scharf beleuchtete, so dass ihr abgezehrtes Gesicht dem Kinde recht in die Augen springen musste.

Da sah ich, wie das Kind mit der Frau sprach, die ihm offenbar erzählte von dem Wunder der vergangenen Nacht, denn sie zeigte immer auf die Stelle, die so warm geworden, dass ihr die Milch davon wiedergekommen, und dann sah ich, wie das Kind alle seine Kastanien der Frau in den Schoß schüttete, die sie gierig aß, und wie die Bonne sich die Adresse aufschrieb. Nun wusste ich, dass für die Frau gesorgt wäre, und man sie nicht wieder in Not versinken lassen würde. Ich drehte mein Rohr und dankte ihm im Herzen für alle seine Wohltaten.

Wie viele frosterstarrte Tiere brachte der warme Strahl von meinem Wunderrohr wieder zum Leben. Ja, zwei arme Kinder, die im Walde Holz suchten und eingeschneit waren, erwärmte ich so lange, bis sie wieder erwachten und den bangen Eltern entgegenlachten, die meinten, ihre Kinder müssten im Schnee erfroren sein. Aber rings um sie her war der Schnee fortgetaut, und frische Veilchenblätter umgaben die Kinder. Die Leute trugen Kerzen in die Kirche und sagten, es sei ein Wunder geschehen, die heilige Mutter Gottes habe ihre Lieblinge beschützt. Ich aber hatte schon längst das Rohr auf andere Länder gerichtet. Ich wusste oft nicht, in welchem Lande oder Weltteil ich mich befand, und hatte oft geholfen, bevor ich das wusste. Aber Leidende und Hilfsbedürftige gibt es überall, zumal da, wo es mehr kalt ist als warm, und wo Mensch und Tier der Sonne entbehrt. Ich ließ einmal meinen Strahl in eine Eskimohütte im tiefen Winter in die volle Nacht hineinscheinen. Da waren aber die Leute namenlos erschrocken, und ich entdeckte, dass sie ihre lange Nacht und ihren langen Winter gar nicht ungern hatten, sondern sich wohl dabei fühlten, da sie daran gewöhnt waren. Sie dachten, die Welt ginge unter, da es zur Unzeit hell wurde. Ich erschreckte sie nicht lange. Den Nordpolfahrern half ich, ihren Weg zu finden, die dachten, es sei ein Polarlicht, und kamen aus der Gefahr, in der sie sich befanden.

Ich dankte der guten Fee wiederholt, die mir die Möglichkeit gegeben, zu helfen, anstatt müßig zuzuschauen, wie Mensch und Tier sich quälte. Das hätte ich auf Dauer gar nicht ertragen können. So aber war ich doch einigen nützlich, nicht so vielen, als ich es gern gewesen wäre, und das hätte ich auch nicht sein können, wenn ich Tag und Nacht beim Kaleidoskop geblieben wäre, ohne Schlaf und Essen, ohne irgendeine andere Beschäftigung. Meine Augen hätten es gar nicht aushalten können, die wären von dem vielen starken Licht gewiss endlich blind geworden, und darum hatte auch eines Tages das Rohr seine Wunderkraft verloren, und als ich darüber sehr unglücklich war, stand die Fee vor mir und sagte: „Du sollst nicht selbst unglücklich werden, um andern zu helfen. Du bringst deine Augen in Gefahr, und du sollst darum eine Zeitlang die Kraft entbehren, die dich so glücklich macht, denn du brauchst deine Augen noch, und die in deiner Nähe leben, haben nicht genug von dir, wenn dein Blick zu sehr in die Weite schweift. Du kannst im nahen Umkreise so viel tun, dass es den Rest deines Lebens und deiner Kräfte in Anspruch nimmt. Du kannst auf anderem Wege die Kalten erwärmen und den Hungrigen den Magen füllen. Du kannst mit ihnen arbeiten und sie lehren, sich selbst aus der Not zu reißen.“ Ich war traurig, aber ich dankte doch, denn ich sah wohl, dass die gute Fee sehr recht hatte und sehr weise war, und da musste ich es machen wie andere Leute mit Armenvereinen und allen möglichen Dingen den Leidenden zu Hilfe kommen. Das ging nicht so schnell und war nicht so überraschend als mit dem Wunderhorn, aber es half auch, und man muss auf der Erde sich oft mit irdischen Mitteln zurechtfinden, die reichen weiter, als wir es denken, wenn wir uns nur rechte Mühe geben.

Wenn aber die Sonne so recht auf den Springbrunnen scheint und beständige Regenbogen macht, dann denke ich oft an mein Wunderrohr zurück und an seine prachtvollen Farben, mit denen ich so viele erfreuen durfte!

 

Aus: Carmen Sylva: Märchen einer Königin (1901).

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Neuausgaben der Märchen von Carmen Sylva (Königin Elisabeth von Rumänien):

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Aus Carmen Sylvas Königreich. Gesammelte Märchen und Geschichten für Kinder und Jugendliche von Carmen Sylva. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Silvia Irina Zimmermann, mit Abbildungen aus dem Fürstlich Wiedischen Archiv Neuwied, 2 Bände (Band 1: Rumänische Märchen und Geschichten, Band 2: Märchen einer Königin), Stuttgart, ibidem-Verlag, 2013.

Carmen Sylva, Pelesch-Märchen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Silvia Irina Zimmermann, mit Abbildungen aus dem Fürstlich Wiedischen Archiv Neuwied, Stuttgart, ibidem-Verlag, 2013.

 

gute-alte-zeit

„Im Alter sollte man nur immer geben, aus der Fülle der Vergangenheit, aber sich keinem aufdrängen, von niemand etwas verlangen und niemals den Jungen die gute alte Zeit vorhalten, an die sie niemals glauben.

Und sie tun wohl daran. Es gibt keine gute alte Zeit. Es gibt nur ein Vergessen ihrer Dunkelheiten, das dem Alter vorbehalten ist.

Derjenige aber, dessen Gedächtnis stark und dessen Gehirn frisch ist, wird immer mit der neuen Zeit dem Besseren entgegenstreben und sehr gut einsehen, dass man stets zu Vollkommenerem zu schreiten sucht. Dass es manchmal misslingt, macht das Streben nicht weniger anerkennenswert.“

Carmen Sylva – Königin Elisabeth von Rumänien (1843-1916)

Aus: „Geflüsterte Worte“, Bd. 3, [1910]

schwatzen

„Das Schwatzen ist der Menschen allergrößtes Unglück. Sie reden sich ein eine Stimmung, in eine Auffassung, zuletzt sogar in eine Tat hinein, von der sie oft hernach selbst nicht wissen, wie sie dazu gekommen sind.“

Carmen Sylva (Königin Elisabeth von Rumänien, geb. Prinzessin zu Wied, 1843-1916).

Aus: „Geflüsterte Worte“, Band 3 [1910].

vorbaria

„Vorbăria e cea mai nefericită slăbiciune a oamenilor. Se înflăcărează prin vorbe trecând la o stare, o idee şi chiar la o faptă, iar pe urmă deseori nu mai ştiu cum au ajuns acolo.“

Regina Elisabeta a României (Carmen Sylva), 1843-1916.

Din: „Geflüsterte Worte“ (Vorbe şoptite), vol. 3 [1910]. Traducere de Silvia I. Zimmermann.

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