“Es war einmal eine Hora in Sinaia, wie sie noch nie gewesen war; denn es war ein großer Feiertag und im Kloster hatten die Mönche Essen ausgeteilt, ganze Kübel voll, und alle hatten sich satt gegessen. Von weither waren die Leute gekommen, von Isvor und Poeana Zapului, von Comarnic und Predeal und von über den Bergen. Die Sonne schien so warm ins Tal hinein, dass die Mädchen die Tücher vom Kopf nahmen und die Burschen die blumenbedeckten Hüte zurückschoben, weil ihnen warm wurde beim Tanzen. Die Frauen standen auf dem Rasen umher und säugten ihre Kinder; ihre Schleier schimmerten weithin, so zart und weiß wie die Blüten. Das war ein Stampfen und Jauchzen von den fröhlichen Tänzern: die Mädchen schienen zu schweben, als berührten ihre zierlichen Füße den Boden nicht, die unter dem engen Rock herausguckten. Ihre Hemden waren reich und bunt gestickt und glitzerten von Gold, sowie die Münzen am Halse. Unaufhörlich wogte der Tanz, zum rastlosen Spiel der Lautari, wie der Puls in den Adern, wie die Wellen, in großen und kleinen Kreisen.
Etwas abseits, auf seinem langen Stab gelehnt, stand ein schöner Hirte und sah mit seinen brombeerschwarzen Augen der Hora zu. Seine Gestalt war schlank, wie eine junge Tanne; sein Haar fiel unter der weißen Lammfellmütze in schwarzen Locken auf seine Schultern. Sein Hemd war grau, von einem breiten Ledergurt um die Hüften gehalten, an den Füßen hatte er Sandalen. Seine Augen hatten nur einen Augenblick geschweift; jetzt hatten sie gefunden, was sie suchten und hefteten sich funkelnd auf ein Mädchen, das ihn gar nicht zu bemerken schien. Schön war das Mädchen, schön wie die wunderschönste Blume, nein viel schöner als Enzian und Alpenrose, zarter als das Edelweiß. Ihre Augen hatten zwei Lichter, eines im schwarzen Kern, das andere im braunen Kranz, der den schwarzen Kern umgab. Ihre Zähne blitzten, so oft sie die Korallenlippen öffnete; ihr Haar war schwarz wie der Abgrund, aus dem ein Wasserstrahl heraufblitzt, und der Blumenkranz darin welkte nicht, als wenn sie ihm Frische und Leben gäbe. Ihr Leib war so schlank, als könnte man ihn mit der Hand zerbrechen, und dabei wusste man zu erzählen von ihrer Kraft. Ja, schön, sehr schön war Irina, und Ionel, der junge Hirte, sah sie immer an. Endlich näherte auch er sich dem Kreise und ergriff ihre Hand. Die Mädchen sahen sie an und lachten und Irina wurde rot.”
Quelle: “Vârful cu Dor (Der Sehnsuchtsgipfel)”, aus: Carmen Sylva: “Pelesch-Märchen”, 1883.
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Neuausgaben der Märchen Carmen Sylvas:

Silvia Irina Zimmermann (Hrsg.): Aus Carmen Sylvas Königreich. Gesammelte Märchen und Geschichten für Kinder und Jugendliche von Carmen Sylva, 2 Bde., Stuttgart, ibidem-Verlag, erscheint bald (2013).
Bd. I: Rumänische Märchen und Geschichten
Bd. II: Märchen einer Königin
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Silvia Irina Zimmermann (Hrsg.): Carmen Sylva, Pelesch-Märchen, Stuttgart, ibidem-Verlag, erscheint bald (2013).