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Archive for the ‘Kindheits- und Jugenderinnerungen’ Category

„Stets war es uns eine außerordentliche Freude gewesen, wenn wir seine Sammlungen mit ihm betrachten durften, wenn er uns erlaubte, den Tomahak und den Bumerang in die Hand zu nehmen und die Paradiesvögel anzustaunen. Kamen neue Stücke an, so war er stets in unbeschreiblicher Aufregung, froh wie ein Kind vor Weihnachten.

Niemand weiß, welche Opfer er in der Stille brachte, ohne ein Wort der Klage. Er hatte, wie alle nachgeborenen Prinzen, nur eine kleine Apanage, von der ihm sein lebelang Abzüge gemacht wurden, um die Reisekosten zu bezahlen, die mein Großvater6 für ihn ausgelegt. Nie sagte er, wie gern er wieder reisen möchte, und wenn andere davon sprachen, so schwieg er. Wir haben nicht darüber nachgedacht, wie gelassen er die Armut und das Gebundensein hinnahm, und wie er sein kindliches Gemüt bewahrt hatte, denn wir fanden es ganz natürlich, dass die Nachgeborenen sich dem Hause opferten und das Vermögen nicht in Gefahr bringen durften.

Mir kommt es jetzt manchmal unglaublich vor, dass die Familie die Ehre hatte, einen solchen Gelehrten zu besitzen, und dass sie keine weiteren Opfer für ihn bringen wollte! Aber das Jahr achtundvierzig hatte schwere materielle Verluste gebracht und das Vermögen erheblich vermindert, dass es kaum möglich war, weite Reisen auszurüsten.“

 

Carmen Sylva (Elisabeth zu Wied, Königin von Rumänien, 1843-1916): Mein Großonkel Maximilian

 

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Ausschnitt aus dem Buch:

Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva)“

Herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Silvia lrina Zimmermann und Bernd Willscheid. Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied.

[Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], 335 S., Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016, ISBN: 978-3-8382-0814-5.

 

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carmensylvafwa-bd04Silvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva).

Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied.

[Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 335 S., 2016, ISBN: 978-3-8382-0814-5.

Details zum Band 4 der Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva des Fürstlich Wiedischen Archivs.

Bestellmöglichkeit: in allen Buchhandlungen und direkt beim ibidem-Verlag.

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Silvia Irina Zimmermann: Kindheit und Erziehung im Schloss.
Der Altersblick in den Erinnerungen von Carmen Sylva, Marie von Ebner-Eschenbach und Lily Braun
Zum 100. Todesjahr der Schriftstellerinnen 2016

 

„Einem jungen Menschen von heute muß es schwerfallen, unsere Empfindungsweise zu begreifen. Es gibt ja kaum etwas, das sich in einer Zeit, die ich zu überdenken vermag, so verändert hätte wie die Art des Verkehrs zwischen Eltern und Kindern.“1
Marie von Ebner-Eschenbach (geb. Gräfin Dubsky, 1830-1916)
„Meine Mutter zeigte mir nach einem halben Jahrhundert ganz bewegt meine kleinen Kleidchen von damals, die sie immer aufgehoben hatte, und ich sagte ihr nicht, dass ich sie mit Schauder und Widerwillen ansah, im Gefühl der mich erwartenden Strafe für irgend ein unbewusstes Verbrechen! Die Großen finden ja immer Verbrechen, wo man an gar nichts gedacht hat, und dann stürzen die Strafen über einem herein, und man kann sich nicht einmal verteidigen, denn verteidigen wird nicht gestattet, das gilt für eine Ungezogenheit! Es ist schwer, Kind zu sein! Das habe ich immer gefunden!“2
Carmen Sylva (geb. Prinzessin Elisabeth zu Wied, verh.
Fürstin & Königin von Rumänien, 1843-1916)
„Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die weichen Kinderseelen hineingepreßt werden. Und sollte doch nur ein Stab sein, zum Halt für das junge wachsende Bäumchen. Im Leben des Kindes bedeutet das ‚Warum?‘ die Geburt des Menschen. Die Erziehung schlägt es tot, kaum daß es die Glieder regt.“3
Lily Braun (geb. Amalie von Kretschmar, 1865-1916)

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Sich an die Kindheit zu erinnern sei wie Heimweh haben, behauptet der Gedächtnisforscher Drouwe Draaisma, und offenbar liegt ein Zusammenhang zwischen dem Wunsch, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben, mit einem bestimmten Alter zusammen. In seinem Buch über das Gedächtnis im Alter, „Die Heimwehfabrik“4 zeigt Draaisma, dass Kindheitserinnerungen vor allem im Alter von etwa 70 Jahren plötzlich wieder auftauchen. Dies passiert zu einem Zeitpunkt, an dem das Gedächtnis an neuere Erlebnisse nachlässt, und dagegen die frühesten Erlebnisse, an die man sich jahrzehntelang vorher nicht erinnert hat, mit neuer Intensität zurückkommen. Dabei bewirkt dieser „Reminiszenzeffekt“, wie die Rückkehr alter Erinnerungen in der Fachsprache der Psychologie genannt wird, dass auch ungewollte Erinnerungen an die Kindheit wieder erwachen, denn auch die schmerzlichen Erfahrungen von früher kehren mit derselben Intensität zurück, so dass man den Kindheitsschmerz von ehemals emotional ein zweites Mal erlebt.5

Bei den Schriftstellerinnen Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), Carmen Sylva (1843-1916) und Lily Braun (1856-1916), deren Todesjahr sich 2016 zum hundertsten Mal jährt, kann man auch von einem Reminiszenzeffekt in ihren veröffentlichten Kindheitserinnerungen sprechen. Insbesondere ist dies bei den zwei älteren festzustellen: Carmen Sylva beginnt mit 60 Jahren ihre Erinnerungen an die in Neuwied verbrachte Kindheits- und Jugendzeit zu schreiben und sie ist 65 Jahre alt beim Erscheinen ihres Bandes „Mein Penatenwinkel“; Ebner-Eschenbach ist 75 Jahre alt bei der Erstauflage ihrer „biographischen Skizzen“ „Meine Kinderjahre“6; nur die jüngere Lily Braun ist erst 43 Jahre alt, als sie ihre als Roman bezeichneten „Memoiren einer Sozialistin“7 verfasst und in dem ersten Band „Lehrjahre“ ihre Kindheit und Jugendjahre erzählt.

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Aus der Einleitung zum Band:

carmen-sylva-kindheitserinnerungenSilvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva). Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied. [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016.

http://www.carmensylva-fwa.de/publ/fscsfwa04.html

Anmerkungen:

1 Marie von Ebner-Eschenbach: Meine Kinderjahre. Biographische Skizzen, Berlin: Verlag von Gebrüder Paetel, 1906, S. 42-43.

2 Carmen Sylva: Mein Penatenwinkel, Erster Band, Frankfurt am Main: Minjon, 1908, S. 191.

3 Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Lehrjahre, München: Albert Langen Verlag, 1909, S. 413-414.

4 Drouwe Draaisma: Die Heimwehfabrik. Wie das Gedächtnis im Alter funktioniert. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer, Berlin: Verlag Galiani, 2011.

5 Ebd., S. 11-12.

6 Carmen Sylva: Mein Penatenwinkel, Erster Band, Frankfurt am Main: Minjon, 1908. Marie von Ebner-Eschenbach: Meine Kinderjahre. Biographische Skizzen, Berlin: Verlag von Gebrüder Paetel, 1906.

7 Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Lehrjahre, München: Albert Langen Verlag, 1909.

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„Es gehört ein ungeheures Maß von Aufopferung zu allen solchen Unternehmungen, die der leidenden Menschheit wirklich helfen sollen. Es war ein sehr guter Verein, von meiner Mutter* ins Leben gerufen, der die Privatkrankenpflege der Armen übernahm und ihnen Essen verschaffte, in verschiedenen Häusern, an verschiedenen Wochentagen.

Wenn ich nach Neuwied zurückkehre, finde ich oft nicht mehr die Damen, die so viele Jahre zu dem Verein gehört haben, aber die Namen der Armen die in Pflege waren, kehren noch lange wieder, wenn schon längst die alten Vereinsmitglieder schlafen gegangen sind.

Die Hilfsbedürftigen bleiben eigentlich immer. Das ist eine Erfahrung, die sich in meinem langen Leben stets wiederholt hat. Wer einmal hilfsbedürftig ist, wird selten ganz selbständig. Denn, wenn er ein selbständiger Mensch wäre, hätte er zum ersten Mal schon keiner Hilfe bedurft, und es geht fast immer so, wie in dem Vereine zu Neuwied: dieselben Menschen werden gepflegt und unterstützt, wenn die Pflegenden auch noch so viel wechseln und lange vor ihren Kranken das Zeitliche gesegnet haben.

Geduldig, jahraus jahrein hat der Verein weiter geholfen und unermüdlich die Kranken unterstützt. Nun sind sie noch die Beschützerinnen der Taubstummen, der Waisen und Blinden geworden, und ein Gebäude reiht sich an das andere in dieser kleinen Stadt, die der Wohltätigkeit gewidmet scheint.“

krankenpflege

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Carmen Sylva – Elisabeth zu Wied, Königin von Rumänien (1843-1916)

* Fürstin Marie zu Wied, Mutter von Königin Elisabeth von Rumänien. Die Fürstin-Mutter unterstützte 1868 die Gründung des „Vaterländischen Frauenvereins Neuwied“ (aus dem der „Neuwieder Ortsverein des Roten Kreuzes“ hervorging, der noch heute aktiv ist).

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Aus: Carmen Sylva: Mein Penatenwinkel (1908)
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carmen-sylva-kindheitserinnerungenSilvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva). Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied. [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016.

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