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Elisabeth mit ihrem Bruder Wilhem, 1848 (Gemälde von Carl Sohn)

Elisabeth mit ihrem Bruder Wilhem, 1848 (Gemälde von Carl Sohn)

„Ich wollte [in der Kindheit] immer so gern den Armen helfen und erinnere mich einer großen Lehre, die ich von meinen Eltern in der lieblichsten Form erhielt. Ich sprach immer davon, dass ich den Armen meine Kleider schenken wollte.

Da fand ich eines Tages eine mächtige Rolle prachtvollen Wollenstoffes, grün und blau kariert und so dick und warm! Und jubelnd rief ich aus: ‚Ist das für mich? Nun kann ich alle meine Kleider den Armen schenken!‘

‚Meinst Du nicht‘, sagte meine Mutter, „es wäre besser, Du behieltest die dünnen, weißen Kleidchen für Dich und schenktest den schönen, warmen Stoff den Armen?‘

Ich schielte ein bisschen betrübt hinüber, ich war doch erst fünf Jahre alt und fand den schönen, warmen Stoff so viel begehrlicher als meine weißen Kleidchen, in denen ich im Winter so schrecklich fror! Aber ich besann mich, dass meine Mutter wohl recht haben müsse und war ganz glücklich, als sie mir erlaubte, das Paket selbst in den Armen zu bringen, einer zahlreichen Familie, bei der die Mutter schwindsüchtig und wahrscheinlich sterbend zu Bette lag.

Abends erzählte ich dem treuen Hannchen*, während sie mir die Locken aufwickelte (eine der besonderen Qualen meiner Kindheit), dass wir bei so und so gewesen und ihnen Kleidchen gebracht.

Auf einmal erklang die Stimme meiner Mutter aus dem Nebenzimmer: ‚Findest Du das zart, Menschen bei Namen zu nennen, denen es vielleicht sehr peinlich ist, arm zu sein und die nicht möchten, dass man es wüsste, weil sie hoffen, sich durch Weben und Stricken noch anständig ernähren zu können und nicht unter die Unterstützungsbedürftigen gezählt zu werden?‘

Darüber habe ich ebenso lange und ebenso viel nachgedacht …“

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* Kammerfrau der Fürstin

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Aus: Carmen Sylva: Mein Penatenwinkel (1908)
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Neuausgabe in:

carmen-sylva-kindheitserinnerungenSilvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva). Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied. [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016.

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MariezuWied„Einige von den jungen studierenden Prinzen hatten den Einfall, im Frühjahr*, in einer schönen Mondnacht, meiner Mutter** ein Ständchen zu bringen auf dem Rheine. Den andern Tag erkundigten sie sich schon ein wenig zaghaft, ob es vernommen worden, sie hatten eine Ahnung, dass es nicht recht passend gewesen.

Meine Mutter machte ein sehr gleichgültiges Gesicht und sagte: ‚Ja, ich glaube es waren einige Betrunkene, die meiner Köchin ein Ständchen brachten!‘

Die Lehre war gut und wurde verstanden. Meine Mutter erlaubte auch den jungen Leuten nicht bei ihr zu erscheinen, wenn sie in ihrem Kreise sich zu Trinkgelagen vereinigt hatten.

Es war damals noch nicht Mode, sich im Salon und in Gegenwart von Damen gehen zu lassen. […] Edle Frauen haben es ganz in der Hand, ihr Haus so zu haben, wie sie es wünschen. In dem unsern herrschte Heiterkeit und Geist und Witz, alle Künste waren willkommen, alle Talente geschätzt, aber sich Gehenlassen war undenkbar.“

* In Bonn im Jahr 1853.

** Fürstin Marie zu Wied, geborene Prinzessin von Nassau, Tochter des Herzogs Wilhelm I. von Nassau und seiner ersten Frau Luise von Sachsen-Hildburghausen, Mutter von Carmen Sylva (Elisabeth zu Wied, erste Königin von Rumänien, 1843-1916)

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Aus: Carmen Sylva: Mein Penatenwinkel (1908)
Abb.: Marie zu Wied, Gemälde von Carl Sohn, Quelle: Wikipedia.

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Neuausgabe in:

carmen-sylva-kindheitserinnerungenSilvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva). Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied. [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016.

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Das Ideal der vornehmen Haltung in der Gründerzeit (Hamann/ Hermand):

„Eng verwandt mit den Begriffen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist das intensive Naturgefühl des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Freiheitliche Natur, Natürlichkeit, bedeutet in dieser Ära, daß das Mitgefühl und sympathische Miterleben sich weit über die Grenze des Menschlichen auf alle Geschöpfe der Natur, auf Tiere und Pflanzen auszudehnen versucht. […] Dieser Naturbegriff ist eine deutliche Auflehnung gegen die Konvention des Ranges und der Ranggesellschaft, die alle ihre Mitglieder zwingt, ihre natürlichen Wünsche und Regungen einem konventionell- abgezirkelten Benehmen zu opfern. […]

Demgegenüber ist das Ideal der Gründerzeit die bewußt vornehme Haltung, die Repräsentation, die Gesellschaftlichkeit, die Architektur, um selbst im menschlichen Benehmen das Gefühl für bestimmte Rangklassen zum Ausdruck zu bringen.

kulturepochen-gruenderzeitWie vornehm bewegen und halten sich die Porträtierten und Tragödinnen auf Feuerbachs Bildern. Wie vornehm wirken seine Modelle wie die großen Bilder der Nanna. Römische Würde, Gravitas, zeichnet sie aus. Gerade diese antikische Würde als Gegenteil alles Sichgehenlassens, lockte die Künstler der siebziger Jahre nach Rom und zog auch Nietzsche und Heyse nach Italien. Hier fand ihr Künstlerauge die Lebenshaltung ihrer Sehnsucht. Ebenso vornehm möchte Feuerbach auf seinen Selbstbildnissen erscheinen, und das vornehmste Bildnis, das in dieser Zeit entstanden ist, ist Feuerbachs Porträt seiner Stiefmutter. Auch bei Lenbach, dem beliebtesten Bildnismaler der hohen und höchsten Kreise dieser Epoche, ist alle ins Vornehme gesteigert. Das gleiche gilt für Nietzsche, der in der Vornehmheit, im Adel der Person, geradezu eine ethische Kategorie erblickt, und zwar im bewußten Gegensatz zu allen demokratischen Freiheitsbestrebungen. Wie oft hört man bei ihm: Wir Edlen, wir Vornehmen, wir Guten! In der Tat spielt bei Nietzsche die Vornehmheit als eine für den Rangvollen verbindliche Haltung dieselbe Rolle wie Rang und Macht. Was ist jedoch Vornehmheit im Gegensatz zu Rang und Macht? Gewiß hängt sie eng mit Rang und Macht zusammen. Ohne Macht gäbe es keinen Rang, ohne Rang keine Vornehmheit. Und doch sind sie nicht identisch.“ *

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Carmen Sylva: „Was ist vornehm?“

„Was ist vornehm? Es wohnen die erhabensten Gedanken in der elendsten Gestalt, hinter dem Affengesicht eines Gelehrten, und die gemeinsten Triebe und Leidenschaften in einer königlichen Erscheinung.

Vornehmheit ist ganz unabhängig von Verstand und Erziehung.

Ein Mensch kann die feinsten Manieren haben und philiströs sein, der Andere legt die Füße auf den Tisch und ist jeder Zoll ein Prinz. Der Eine bewegt die Welt mit seinen Gedanken, und wenn man ihm begegnet möchte man ihm einen Groschen schenken; der Andere kann nicht orthographisch schreiben, und jeder macht ihm Platz, weil er aussieht, wie ein großer Herr.

Souveräne Gleichgültigkeit gegen des Lebens kleine Miseren ist vornehm, wie ein großer Hund, der rings umbellt, nicht einmal den Kopf wendet.

Bei Frauen ist die Sache noch schwieriger; denn bei ihnen ersetzt Schönheit, Grazie, Eleganz die mangelnde Vornehmheit.” **

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Textauswahl von Silvia Irina Zimmermann

* Richard Hamann / Jost Hermand: „Epochen deutscher Kultur“, Bd.1 „Gründerzeit“, München: Fischer, 1977.

** Carmen Sylva (Königin Elisabeth von Rumänien, geborene Prinzessin zu Wied, 1843-1916): „Vom Amboss”, 1890. Zitiert aus: Carmen Sylva: Gedanken einer Königin – Les pensées d’une reine”. Gesammelte Aphorismen in deutscher und französischer Sprache und Epigramme der Königin Elisabeth von Rumänien, geborene Prinzessin zu Wied (1843-1916), herausgegeben und mit einem Vorwort von Silvia Irina Zimmermann, Stuttgart: ibidem-Verlag, 2012.

Bibliografie:

Bibliografie:

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Carmen Sylva: Gedanken einer Königin – Les pensées d’une reine.  Gesammelte Aphorismen in deutscher und französischer Sprache und Epigramme der Königin Elisabeth von Rumänien, geb. Prin­zessin zu Wied (1843-1916). Herausgegeben und mit einem Vorwort von Silvia Irina Zimmermann, mit Fotografien aus demFürstlich Wiedischen Archiv (Neuwied), ibidem-Verlag Stuttgart, 2012, 440 Seiten, ISBN 978-3-8382-0385-0.

Carmen Sylva: Gedanken einer Königin.  Ausgewählte Aphorismen der Königin Elisabeth von Rumänien, geb. Prinzessin zu Wied (1843-1916). Herausgegeben und mit einem Nachwort von Silvia Irina Zimmermann, mit Fotografien aus demFürstlich Wiedischen Archiv (Neuwied), ibidem-Verlag Stuttgart, 2012, 186 Seiten, ISBN 978-3-8382-0375-1.

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Richard Hamann / Jost Hermand: „Epochen deutscher Kultur“, Bd.1 „Gründerzeit“, München: Fischer, 1977.

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„Sauerwein* gab mir fünf Unterrichtsstunden den Tag, alle Geschichte aller Länder, die Literatur aller Länder, und war es gewiss von ungeheurem Werte für mich, Dante auf Englisch zu übersetzen, sowie Cicero, und von Sauerwein Vorträge auf Englisch anzuhören und auf Deutsch nachzuschreiben. Es war vielleicht viel verlangt von einem Kinde, aber wie ist mir dies alles nützlich geworden! (…)

Sauerwein konnte mir in den Sprachen der Völker einen Begriff ihrer Literatur geben. Er sagte mir die Bardenlieder auf Welsch her, das er beherrschte wie seine Muttersprache, und er wusste nicht, dass ich noch einmal auf dem Druidenstein stehen und von den alten weißbärtigen Sängern feierlich zum Barden proklamiert werden würde! Die Oden von Horaz konnte ich hersagen, ebenso gut wie Burns auf Schottisch. (…) … ich konnte Gedichte auf Ungarisch, einige persische und arabische Verse; Russisch und die Fidjisprache waren im ebenso geläufig, und von allem unterhielt er mich. Die Anfänge deutscher Literatur im Altgotischen entzückten mich. Wir lasen große Stücke der Nibelungen und der Edda, der Jerusalema Liberata und des Parsifal. (…) Ach, wie habe ich geschwärmt für alle die Helden des Königs Arthur, für die finnländischen Dichter, für die ossianischen Lieder, für alles, was es Hohes, Erhabenes auf Erden gegeben hat. Ramajana und Mahabarata, Nal und Damaianti, Sakuntala sind seitdem allen vertraut geworden, aber damals waren noch keine Schulbücher. Damals war ich unter den Auserlesenen, die alle diese Schätze genießen durften. Ich danke es Sauerwein ewig, mich in die Welt eingeführt zu haben, keinen Kirchturmpatriotismus haben aufkommen zu lassen und mir die Welt als Heimat gezeigt zu haben.

Aus: Carmen Sylva, „Mein Penatenwinkel“, 1906.

sauerwein

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*Georg Sauerwein (1831-1914), ein bekannter Sprachwissenschaftler seiner Zeit, war 1857-1860 Privatlehrer von Prinzessin Elisabeth zu Wied, der späteren Königin von Rumänien und Schriftstellerin unter dem Pseudonym Carmen Sylva (1843-1916).

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Mehr über Georg Sauerwein:

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Hans Masalskis: „Das Sprachgenie Georg Sauerwein. Eine Biographie“. Mit zahlreichen Bildern und Dokumenten, 447 S., Hamburg: Igel Verlag Literatur und Wissenschaft, ISBN: 978-3-89621-157-6.

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Mehr über die Schriftstellerin Carmen Sylva: www.carmen-sylva.de

carmen sylva regina elisabeta românia königin elisabeth rumänien wied literatur silvia irina zimmermann

Silvia Irina Zimmermann, Die dichtende Königin. Elisabeth, Prinzessin zu Wied, Königin von Rumänien, Carmen Sylva (1843-1916). Selbstmythisierung und prodynastische Öffentlichkeitsarbeit durch Literatur (Dissertation Universität Marburg, 2003), ibidem-Verlag, Stuttgart, 2010, 482 Seiten, ISBN 978-3-8382-0185-6.

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carmen-sylva-kindheitserinnerungenSilvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva). Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied. [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016.

 

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