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Du fieberst, Du bist matt von Wunden,
Die Dir das Leben hat geschlagen,
Du kannst die Last nicht mehr ertragen,
Von langer Tage langen Stunden.

Du warst verschmachtend festgebunden,
Nun fühlst die Glieder Du versagen,
Dein müder Mund verlernt das Klagen –
Im Meer der Kunst sollst Du gesunden.

Tauch ein in die gewaltge Flut,
Sie strömt so klar, sie glänzt so heiter,
Dir wächst das Herz, Dir schwillt der Mut.

Tauch ein, erstarke, müder Streiter!
In Deinen Adern neues Blut,
Du bist verjüngt und lebest weiter.

* * *

Carmen Sylva: Meine Ruh‘, Bd. 1: Höhen und Tiefen, (1901).

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gefluesterteworte„Die Sachen leben sich anders, als sie in den Büchern stehen!“

„Lucurile se trăiesc altfel decât le găsim scrise în cărţi!“

***

Carmen Sylva: „Geflüsterte Worte“ (1903/ 1922)

Traducere: Silvia I. Zimmermann

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titelblattUnd keiner kennt dich,
Nicht einmal du, Frager,
Und keiner nennt dich,
Du selbst dich nicht Zager.

Woraus entsprangst du?
Wohin geht all dein Eilen?
Worüber bangst du?
Wo möchtest du verweilen?

Welch Sein erfreust du
Mit deinen Klangessaiten?
Was schenkst, bereust du?
Wo wirst du straucheln, gleiten?

Weil du entstammt bist,
Von jenem Elternpaare,
Weil das entflammt ist
Für’s Eitle oder Wahre,

Darum vereinst du
In hartem Kampf die Beiden,
Darum erscheinst du,
Ergebnis deiner Leiden.

Carmen Sylva („Geflüsterte Worte: Frageland“, 1912).

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einlebenIch wollte die Wahrheit finden. Da nahm mich das Leiden bei der Hand und sagte: „Komm mit mir, ich will dich zur Wahrheit führen, aber du musst dich nicht fürchten auf dem Wege.“

„Nein, ich fürchte mich vor nichts; ich bin so stark, ich kann einen Berg forttragen!“

(…)

Aber in der Liebe war die Wahrheit nicht, und im Entsagen auch nicht; denn ich murrte, und wusste nicht, warum ich entsagen sollte. Leidens Hand lag schwer auf meinem Arm und für lange Zeit wurden meine Schritte träge und matt; ich suchte auch nicht mehr die Wahrheit, bis ich endlich sah: In der Arbeit, in großer, reicher Arbeit, da muss sie liegen. Wie Leiden das hörte, richtete es meine Stirn auf und deutete vor mich hin:

„Hier steht ein ganzer Mensch und wartet auf dich. Willst du ihn lieben ein Leben lang? Und hier ist dein Weg; er ist rau und steinig und führt durch Abgründe zu steilen Höhen empor. Willst du ihn wandeln? Und dort liegt die Arbeit für dich, bergehoch. Willst du sie tragen?“

„Ich will!“, sagte ich.

Da führte mich das Leiden in die Ehe, machte mich zur Mutter und lud große, reiche Arbeit auf meine Schultern. Ich tastete umher, den rechten Weg zu finden, und wir mussten Verkennung und Misstrauen erdulden, und auf dem steilen Pfade standen Hass und Streit. Aber ich fürchtete mich nicht; denn ich war Mutter. Doch nicht viele Jahre durfte ich diese hohe Würde behalten; meines Kindes Strahlenaugen schlossen sich und sein Lockenhaupt legte ich in den Sarg. Ich aber stand aufrecht, trotz dem Feuer in meiner Brust, und frug Leiden:

„Wo ist die Wahrheit? Jetzt, da alle irdische Freude, alles irdische Hoffen zu Grabe gegangen, bleibt mir nichts als die Wahrheit; und ich habe ein Recht, sie zu finden!“

Da drückte mir das Leiden den Stift in die Hand und sprach: „Suche!“ Und ich schrieb und schrieb, und wusste nicht, dass ich eine Kunst ausübte, da ich seit Jahren mit so schwerem Herzen darauf verzichtet hatte, ein Künstler zu sein! Ich versuchte, das Gute zu tun, wo ich konnte. Ich lernte die Menschen verstehen und mich tief hineindenken, in ihr innerstes Sein; aber die Wahrheit fand ich nicht. Meine Schritte wurden wieder schwer und matt, bis ich endlich, von Krankheit übermannt, liegen blieb.

(…)

Da erdröhnte der Boden unter unsern Füßen, und der Kampf zog heran mit seinen Genossen. (…) Aber auch hier war die Wahrheit nicht. Wohl gingen wir furchtlos und geläutert aus dem Streite hervor, aber da nahten schon Neid und Eifersucht unserm Pfand und machte ihn schlüpfrig und unwegsam.

„O die Wahrheit! Die Wahrheit!“, rief ich, „meine Jugend ist vorüber, die schwersten Kämpfe sind durchgerungen, ich lebe noch, aber die Wahrheit sehe ich nicht!“

„Dort steht sie“, sagte Leiden, und wie ich die Augen hob, sah ich in der Ferne, an einem stillen Wasser, ein kleines Kind stehen, dessen Augen leuchteten.

„Ist das Kind die Wahrheit?“, fragte ich. Leiden nickte: „Nicht wahr, sie ist nicht zum Fürchten?“

Aber wie Leiden das sagte, wurde das Kind größer und größer, bis es die ganze Erde in der Hand hielt und den ganzen Himmel umfasste.

„Siehst du die Wahrheit?“, sprach Leiden. „Und nun schau in dich …”

***

Auszug aus dem Märchen „Ein Leben“ aus „Leidens Erdengang. Ein Märchenkreis“ von Carmen Sylva (Königin Elisabeth von Rumänien, geb. Prinzessin zu Wied, 1843-1916), Erstauflage: Berlin, Duncker, 1882, Prachtausgabe mit Illustrationen von Emma Marie Elias, Berlin, Duncker, 1889.

Neuausgaben der Märchen Carmen Sylvas:

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Aus Carmen Sylvas Königreich. Gesammelte Märchen und Geschichten für Kinder und Jugendliche von Carmen Sylva. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Silvia Irina Zimmermann, mit Abbildungen aus dem Fürstlich Wiedischen Archiv Neuwied, 2 Bände, 2013.
Band I: Rumänische Märchen und Geschichten
Band II: Märchen einer Königin

***
Carmen Sylva: Pelesch-Märchen, herausgegeben und mit einem Nachwort von Silvia Irina Zimmermann, mit Abbildungen aus dem Fürstlich Wiedischen Archiv Neuwied, Stuttgart: ibidem-Verlag, 2013.

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