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Posts Tagged ‘maximilian zu wied’

„Stets war es uns eine außerordentliche Freude gewesen, wenn wir seine Sammlungen mit ihm betrachten durften, wenn er uns erlaubte, den Tomahak und den Bumerang in die Hand zu nehmen und die Paradiesvögel anzustaunen. Kamen neue Stücke an, so war er stets in unbeschreiblicher Aufregung, froh wie ein Kind vor Weihnachten.

Niemand weiß, welche Opfer er in der Stille brachte, ohne ein Wort der Klage. Er hatte, wie alle nachgeborenen Prinzen, nur eine kleine Apanage, von der ihm sein lebelang Abzüge gemacht wurden, um die Reisekosten zu bezahlen, die mein Großvater6 für ihn ausgelegt. Nie sagte er, wie gern er wieder reisen möchte, und wenn andere davon sprachen, so schwieg er. Wir haben nicht darüber nachgedacht, wie gelassen er die Armut und das Gebundensein hinnahm, und wie er sein kindliches Gemüt bewahrt hatte, denn wir fanden es ganz natürlich, dass die Nachgeborenen sich dem Hause opferten und das Vermögen nicht in Gefahr bringen durften.

Mir kommt es jetzt manchmal unglaublich vor, dass die Familie die Ehre hatte, einen solchen Gelehrten zu besitzen, und dass sie keine weiteren Opfer für ihn bringen wollte! Aber das Jahr achtundvierzig hatte schwere materielle Verluste gebracht und das Vermögen erheblich vermindert, dass es kaum möglich war, weite Reisen auszurüsten.“

 

Carmen Sylva (Elisabeth zu Wied, Königin von Rumänien, 1843-1916): Mein Großonkel Maximilian

 

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Ausschnitt aus dem Buch:

Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva)“

Herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Silvia lrina Zimmermann und Bernd Willscheid. Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied.

[Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], 335 S., Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016, ISBN: 978-3-8382-0814-5.

 

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Die Reiseroute von Maximilian zu Wied-Neuwied in den Jahren 1832 bis 1834 in Nordamerika ist mit roter Farbe eingetragen, Orange markiert Grenzverläufe. Karte aus dem Werk: Maximilian zu Wied-Neuwied: Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834, 2 Textbände und 1 Bildatlas mit Illustration von Karl Bodmer, J. Hölscher, Koblenz 1839–1841. (Bildquelle: Wikipedia)

Die Reiseroute von Maximilian zu Wied-Neuwied in den Jahren 1832 bis 1834 in Nordamerika ist mit roter Farbe eingetragen, Orange markiert Grenzverläufe.
Karte aus dem Werk: Maximilian zu Wied-Neuwied: Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834, 2 Textbände und 1 Bildatlas mit Illustration von Karl Bodmer, J. Hölscher, Koblenz 1839–1841. (Bildquelle: Wikipedia)

„[Mein Großonkel Maximilian] sprach nie von seinen Arbeiten und saß doch zwölf Stunden des Tages am Schreibtisch, von sechs bis sechs. Unaufgefordert erzählte er niemals von seinen Reisen, auch nicht von den Ehren und Auszeichnungen, die ihm zuteil geworden. Das erfuhren wir alles erst nach seinem Tode. Was ihm Freude machte, das waren seine Sammlungen, und ich bin noch immer untröstlich, dass meine Mutter als Vormünderin diese Sammlungen nach Amerika verkaufte, weil sie niemanden hatte, um sie in Ordnung zu halten, und weil sie fürchtete, sie würden verderben und ganz an Wert verlieren. Mit seinem sechsten Jahre hatte mein Onkel angefangen zu sammeln und hatte viele Seltenheiten zusammengebracht, namentlich was Vögel anbetraf.

Stets war es uns eine außerordentliche Freude gewesen, wenn wir seine Sammlungen mit ihm betrachten durften, wenn er uns erlaubte, den Tomahak und den Bumerang in die Hand zu nehmen und die Paradiesvögel anzustaunen. Kamen neue Stücke an, so war er stets in unbeschreiblicher Aufregung, froh wie ein Kind vor Weihnachten. […]

Ewig schade ist es, dass, als mein Onkel seine große Reise nach Nordamerika antrat, bei der ihn der hervorragende Maler und Aquarellist Bodmer begleitete, er nicht Chamisso gestattete, mitzukommen, da er verächtlich behauptete, er könne nicht Dichter gebrauchen. Und gerade durch diesen Dichter wäre seine Reise viel bekannter geworden als durch sein sehr gewissenhaftes und eingehendes, aber etwas trockenes Werk.“

Aus: Carmen Sylva: „Mein Großonkel Maximilian“ (1912)

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Neuausgabe in:

carmen-sylva-kindheitserinnerungenSilvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva). Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied. [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016.

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maximilian-wied„Das zweite Mal, daß ich Onkel Max außer sich gesehen, war im Jahre 1866, als meine Mutter ihren einzigen Sohn in den Krieg schickte. Da standen ihm die dicken Tränen in den Augen: ‚Liebe Lilli, deine Mutter ist eine spartanische Mutter! Das Haus steht doch nur auf zwei Augen! Wäre ich es nur oder du, liebe Lilli, das täte ja gar nichts, aber Wilhelm! Den Einzigen! Liebe Lilli, das ist nicht möglich!‘

Es war sehr schmerzvoll, den alten Mann so unglücklich zu sehen. Uns alle und sich selbst hielt er als geeignetes Futter für Pulver und Blei, aber nicht den einzigen Stammhalter. Nun, Gott sei Dank, mein Bruder ist aus allen Kriegen gesund zurückgekehrt.

Aber es war wohl natürlich, daß der alte Mann zitterte, der selbst die furchtbaren Feldzüge mitgemacht und zwei Brüder darin verloren hatte. Er ist lange auf dem Schlachtfeld von Waterloo herumgeritten, in der Hoffnung, Napoleon zu finden und ihn gefangen zu nehmen, denn er hatte einen unglaublichen Haß auf den Bonaparte.

Das war meiner Mutter zuerst recht widerwärtig, da ihr Vater zum Rheinbund gehörte; sie war deshalb in der grenzenlosesten Bewunderung für Napoleon erzogen worden, sprach bis zu ihrem sechsten Jahre überhaupt nur französisch und konnte es Onkel Max gar nicht verzeihen, wenn er mit geballter Faust ausrief: ‚Der Bonaparte!‘ Er konnte nämlich die Mediatisierung nicht vergessen und verzeihen und sagte einmal zu mir: ‚Das kannst du begreifen, liebe Lilli, das war nicht angenehm, als man zum ersten Male den König von Preußen als Landesherrn begrüßen mußte!‘

Das konnte ich recht gut begreifen, denn ich fand es auch angenehmer, sein eigener Herr zu sein. Doch ich muss sagen, daß es auf der ganzen Welt keine angenehmere Stellung geben kann, als die der Mediatisierten, denn man ist und bleibt doch immer der Landesvater in seinem früheren Lande und hat dabei keine Verantwortung und auch keine Regierungslasten und Unannehmlichkeiten. Man hat nur die Gnaden und Wohltaten und nicht Drückendes oder Widerwärtiges. Ich kann es recht gut vergleichen, da ich auf einen Thron gekommen bin und weiß, wie unendlich angenehmer es ist, mediatisiert zu sein.“

Ausschnitt aus: Carmen Sylva, Mein Großonkel Maximilian (erschienen in: Velhagen und Klasings Monatshefte, Bielefeld, 1912/13)

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carmen-sylva-kindheitserinnerungenSilvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva). Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied. [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016.

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