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Silvia Irina Zimmermann: Kindheit und Erziehung im Schloss.
Der Altersblick in den Erinnerungen von Carmen Sylva, Marie von Ebner-Eschenbach und Lily Braun
Zum 100. Todesjahr der Schriftstellerinnen 2016

 

„Einem jungen Menschen von heute muß es schwerfallen, unsere Empfindungsweise zu begreifen. Es gibt ja kaum etwas, das sich in einer Zeit, die ich zu überdenken vermag, so verändert hätte wie die Art des Verkehrs zwischen Eltern und Kindern.“1
Marie von Ebner-Eschenbach (geb. Gräfin Dubsky, 1830-1916)
„Meine Mutter zeigte mir nach einem halben Jahrhundert ganz bewegt meine kleinen Kleidchen von damals, die sie immer aufgehoben hatte, und ich sagte ihr nicht, dass ich sie mit Schauder und Widerwillen ansah, im Gefühl der mich erwartenden Strafe für irgend ein unbewusstes Verbrechen! Die Großen finden ja immer Verbrechen, wo man an gar nichts gedacht hat, und dann stürzen die Strafen über einem herein, und man kann sich nicht einmal verteidigen, denn verteidigen wird nicht gestattet, das gilt für eine Ungezogenheit! Es ist schwer, Kind zu sein! Das habe ich immer gefunden!“2
Carmen Sylva (geb. Prinzessin Elisabeth zu Wied, verh.
Fürstin & Königin von Rumänien, 1843-1916)
„Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die weichen Kinderseelen hineingepreßt werden. Und sollte doch nur ein Stab sein, zum Halt für das junge wachsende Bäumchen. Im Leben des Kindes bedeutet das ‚Warum?‘ die Geburt des Menschen. Die Erziehung schlägt es tot, kaum daß es die Glieder regt.“3
Lily Braun (geb. Amalie von Kretschmar, 1865-1916)

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Sich an die Kindheit zu erinnern sei wie Heimweh haben, behauptet der Gedächtnisforscher Drouwe Draaisma, und offenbar liegt ein Zusammenhang zwischen dem Wunsch, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben, mit einem bestimmten Alter zusammen. In seinem Buch über das Gedächtnis im Alter, „Die Heimwehfabrik“4 zeigt Draaisma, dass Kindheitserinnerungen vor allem im Alter von etwa 70 Jahren plötzlich wieder auftauchen. Dies passiert zu einem Zeitpunkt, an dem das Gedächtnis an neuere Erlebnisse nachlässt, und dagegen die frühesten Erlebnisse, an die man sich jahrzehntelang vorher nicht erinnert hat, mit neuer Intensität zurückkommen. Dabei bewirkt dieser „Reminiszenzeffekt“, wie die Rückkehr alter Erinnerungen in der Fachsprache der Psychologie genannt wird, dass auch ungewollte Erinnerungen an die Kindheit wieder erwachen, denn auch die schmerzlichen Erfahrungen von früher kehren mit derselben Intensität zurück, so dass man den Kindheitsschmerz von ehemals emotional ein zweites Mal erlebt.5

Bei den Schriftstellerinnen Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), Carmen Sylva (1843-1916) und Lily Braun (1856-1916), deren Todesjahr sich 2016 zum hundertsten Mal jährt, kann man auch von einem Reminiszenzeffekt in ihren veröffentlichten Kindheitserinnerungen sprechen. Insbesondere ist dies bei den zwei älteren festzustellen: Carmen Sylva beginnt mit 60 Jahren ihre Erinnerungen an die in Neuwied verbrachte Kindheits- und Jugendzeit zu schreiben und sie ist 65 Jahre alt beim Erscheinen ihres Bandes „Mein Penatenwinkel“; Ebner-Eschenbach ist 75 Jahre alt bei der Erstauflage ihrer „biographischen Skizzen“ „Meine Kinderjahre“6; nur die jüngere Lily Braun ist erst 43 Jahre alt, als sie ihre als Roman bezeichneten „Memoiren einer Sozialistin“7 verfasst und in dem ersten Band „Lehrjahre“ ihre Kindheit und Jugendjahre erzählt.

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Aus der Einleitung zum Band:

carmen-sylva-kindheitserinnerungenSilvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva). Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied. [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016.

http://www.carmensylva-fwa.de/publ/fscsfwa04.html

Anmerkungen:

1 Marie von Ebner-Eschenbach: Meine Kinderjahre. Biographische Skizzen, Berlin: Verlag von Gebrüder Paetel, 1906, S. 42-43.

2 Carmen Sylva: Mein Penatenwinkel, Erster Band, Frankfurt am Main: Minjon, 1908, S. 191.

3 Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Lehrjahre, München: Albert Langen Verlag, 1909, S. 413-414.

4 Drouwe Draaisma: Die Heimwehfabrik. Wie das Gedächtnis im Alter funktioniert. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer, Berlin: Verlag Galiani, 2011.

5 Ebd., S. 11-12.

6 Carmen Sylva: Mein Penatenwinkel, Erster Band, Frankfurt am Main: Minjon, 1908. Marie von Ebner-Eschenbach: Meine Kinderjahre. Biographische Skizzen, Berlin: Verlag von Gebrüder Paetel, 1906.

7 Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Lehrjahre, München: Albert Langen Verlag, 1909.

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Elisabeth mit ihrem Bruder Wilhem, 1848 (Gemälde von Carl Sohn)

Elisabeth mit ihrem Bruder Wilhem, 1848 (Gemälde von Carl Sohn)

„Ich wollte [in der Kindheit] immer so gern den Armen helfen und erinnere mich einer großen Lehre, die ich von meinen Eltern in der lieblichsten Form erhielt. Ich sprach immer davon, dass ich den Armen meine Kleider schenken wollte.

Da fand ich eines Tages eine mächtige Rolle prachtvollen Wollenstoffes, grün und blau kariert und so dick und warm! Und jubelnd rief ich aus: ‚Ist das für mich? Nun kann ich alle meine Kleider den Armen schenken!‘

‚Meinst Du nicht‘, sagte meine Mutter, „es wäre besser, Du behieltest die dünnen, weißen Kleidchen für Dich und schenktest den schönen, warmen Stoff den Armen?‘

Ich schielte ein bisschen betrübt hinüber, ich war doch erst fünf Jahre alt und fand den schönen, warmen Stoff so viel begehrlicher als meine weißen Kleidchen, in denen ich im Winter so schrecklich fror! Aber ich besann mich, dass meine Mutter wohl recht haben müsse und war ganz glücklich, als sie mir erlaubte, das Paket selbst in den Armen zu bringen, einer zahlreichen Familie, bei der die Mutter schwindsüchtig und wahrscheinlich sterbend zu Bette lag.

Abends erzählte ich dem treuen Hannchen*, während sie mir die Locken aufwickelte (eine der besonderen Qualen meiner Kindheit), dass wir bei so und so gewesen und ihnen Kleidchen gebracht.

Auf einmal erklang die Stimme meiner Mutter aus dem Nebenzimmer: ‚Findest Du das zart, Menschen bei Namen zu nennen, denen es vielleicht sehr peinlich ist, arm zu sein und die nicht möchten, dass man es wüsste, weil sie hoffen, sich durch Weben und Stricken noch anständig ernähren zu können und nicht unter die Unterstützungsbedürftigen gezählt zu werden?‘

Darüber habe ich ebenso lange und ebenso viel nachgedacht …“

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* Kammerfrau der Fürstin

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Aus: Carmen Sylva: Mein Penatenwinkel (1908)
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Neuausgabe in:

carmen-sylva-kindheitserinnerungenSilvia Irina Zimmermann und Bernd Willscheid (Hg.): Heimweh ist Jugendweh. Kindheits- und Jugenderinnerungen der Elisabeth zu Wied (Carmen Sylva). Mit einem Vorwort I.D. Isabelle Fürstin zu Wied. [Schriftenreihe der Forschungsstelle Carmen Sylva – Fürstlich Wiedisches Archiv, Band 4], Stuttgart: ibidem-Verlag, 2016.

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„Die unter dem Namen Carmen Sylva schreibende Königin Elisabeth von Rumänien, eine 1843 geborene Prinzessin von Wied, ist keine unserer Sängerinnen von bleibendem Wert. Sie hat selten echtes, noch seltener starkes Gefühl, ermangelt der Sprachkraft, die den einzig treffenden Ausdruck heraufbeschwört, und ist ohne sicheren Geschmack. Ihre dichterische Rede ist mehr wortreich als klar. Besseres hat sie in der Prosa geleistet, zumal da, wo die Form, der Sinnspruch, sie zur Kürze und Schärfe zwang, so in den „Geflüsterten Worten“ (1903).

Nur wann sie aus der Fülle des qualvoll Selbstdurchlebten zu sagen versuchte, was sie gelitten – sie hat ihr einziges Kindchen früh begraben müssen – , da fand sie zuweilen das aus dem Herzen brechende und ins Herz dringende Wort der dichtenden Mutter.“

Aus: Eduard Engel: „Geschichte der deutschen Literatur“, 2 Bde., 15. Auflage, 1912 (Erstauflage 1906, 38. Auflage 1938).
Textauswahl & Bildcollage: Silvia I. Zimmermann

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„Das Schlimmste, das einer werden wollen kann, ist Dichter! Der stirbt ganz gewiß Hungers. Man muß stets einen Broterwerb haben, und daneben kann man dann im Stillen ein Dichter werden, meist ohne es zu wissen, das muß von selbst kommen! […]

Aber aus dem Dichten einen Broterwerb machen zu wollen, das ist ein unglückseliger Gedanke! Das ist wie Schürfen! Man weiß nie, wie lang und tief die Ader ist und muß oft einen begonnenen Schacht stehen lassen, weil man nichts mehr darin findet. […]

Man hat immer Zeit, neben seinem Beruf zum Broterwerben, noch ein Dichter zu werden, denn wozu einen der Geist treibt, dazu findet man immer Zeit, und da braucht man keine Hochschule, da die Bücher die beste Hochschule sind, und der echte Dichter am besten ganz allein mit sich selbst und der heiligen Natur lernt! […]

Sogar bei jeder Kunst ist soviel Materielles; wieviel Stunden muß der Maler Falten malen oder Dekoratives, der Musiker Partituren abschreiben!

Nur der Dichter hat keine Stunde materieller Arbeit, darum kann er auch unmöglich den ganzen Tag bei seiner Arbeit bleiben. Drei bis vier Stunden ist vollauf genug für die Feder, und warum sollte er nicht den übrigen Tag in andrer Weise dienen dürfen? Denn selbst Abschreiben seiner Sachen ist ein beständiges Korrigieren, also gar keine Handarbeit, sondern immer Gehirnanspannung.”

Carmen Sylva (Königin Elisabeth von Rumänien, geb. Prinzessin zu Wied, 1843-1916).

Aus: „Geflüsterte Worte” (Bd.2, 1906)

Textauswahl: Silvia Irina Zimmermann

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